Eine Busfahrt so lang wie das Leben
- 28. Aug. 2025
- 4 Min. Lesezeit
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Die rosafarbenen Berge kühlten nach der Mittagssonne ab, eingehüllt in den durchsichtigen Schleier einer plötzlich aufgezogenen Brise. Der Bus fuhr gemächlich, aber dennoch munter die schmale Straße entlang, die auf beiden Seiten von mittelgroßen Steinen gesäumt war. Ab und an erschienen einsame Palmen, deren Kronen bereits vergilbt waren und die sehnsüchtig auf nährende Regentropfen warteten, sich größtenteils jedoch ihrem Schicksal ergaben.
Im Bus war es laut: Ein Baby fand keine Ruhe, stöhnte und spuckte die Brust seiner Mutter aus. Zwei Frauen unterhielten sich lebhaft über den kommenden Nachmittag. Offenbar waren sie auf dem Weg zur Arbeit, um dort pflichtbewusst und beinahe bedingungslos ihre Aufgaben zu erfüllen. Manchmal unterbrachen sie ihr Gespräch und lachten herzlich über eigene Witze. Das machte einen sympathischen Eindruck und lockerte die schwere, stickige Luft, die wie eine dichte Wolke über den Sitzen schwebte.
Ich lehnte den Kopf an das vermeintlich kühle Fensterglas und wurde müde. Augenblicklich beruhigte sich das Baby, und die Stimmen der Frauen wurden weicher und leiser.

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Sie rauchte nachdenklich eine Zigarette und hinterließ darauf eine rote Lippenstiftspur. Ihre Haare waren glatt nach hinten gekämmt, die unteren Augenlider ungewöhnlich dunkel betont – das verlieh ihr einen ausdrucksvollen Blick und verdeckte zugleich die Müdigkeit. Sie sah auf das blendende Weiß hinter dem Fenster. In dessen Abbild wirkte ihre Haut noch heller, als sie ohnehin war. Die Landschaft auf der anderen Seite interessierte sie nicht besonders. Täglich blickte sie auf graue und bunte Plattenbauten, auf eine Straßenbahnhaltestelle mit zwei kleinen Kiosken, auf eine Straße, die zu einem Supermarkt führte. Am Horizont breitete sich das Herzstück der Stadt aus: eine metallurgische Produktionsanlage. Ihre gestreiften Schornsteine weckten in ihr jedes Mal den Wunsch, diese Stadt, die ihr für immer fremd blieb, unverzüglich zu verlassen.
Sie besaß nicht viel: ein altes Klavier, das sie aus ihrer Heimatstadt mitgebracht hatte und das sie einmal pro Woche sorgsam mit einem weichen Lappen abstaubte und polierte. Ein Sofa mit einem Einriss in der Mitte, in dem sich die Katze zum Schlafen eingrub. Die Katze.
Sie dachte darüber nach, wie einfach es wäre, das Klavier per Anzeige zu verkaufen, das Sofa auf den Sperrmüll zu bringen, die Katze in eine Tasche zu setzen. Dazu noch ein großer schwarzer Koffer mit ihren Sachen. Und die Bücher? Was sollte mit all diesen Büchern geschehen – ihren schweigsamen, liebevollen Begleitern, ihren Ratgebern, ihren Freunden?
Die Katze öffnete ein Auge und blickte sie an. In diesem Blick funkelten scharfe Kristalle des Vorwurfs. Ja, sie spürte es deutlich! Die Katze mochte ihr Sofa, die Wohnung und sogar diese Stadt. Durch ihre Augen färbten sich die grauen Hochhäuser grün und glänzten im Schnee wie riesige Rohdiamanten.

Nein, sie ging noch nicht fort. Sie existierte weiterhin in einer toxischen Beziehung mit der Stadt, in der sie für immer fremd blieb. Ihre ausgerauchten Zigaretten häuften sich im Aschenbecher auf dem Fensterbrett und glühten rot wie Dutzende von Mohnblüten.
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Er betrachtete sich im Spiegel – und ihm gefiel, was er sah. Nicht sehr groß, doch gut gebaut, dunkle Locken fielen über seine Stirn. Ein rötlicher Schnurrbart stand ihm besonders gut und betonte unaufdringlich seine Männlichkeit. Die braune Lederjacke saß ausgezeichnet: Sie lag eng an den Schultern und schmiegte sich an seinen sportlichen Oberkörper.
Sie hatten sich zu einem Date verabredet – ein Sushi-Restaurant sollte es sein. Er mochte Sushi nicht sonderlich, doch sie war eine leidenschaftliche Liebhaberin. In seiner Vorstellung saßen sie bereits an einem langen, polierten Tisch einander gegenüber. Ihr Haar lag wie zwei schwarze Rabenflügel auf den Schultern und fiel seidig über ihre Brust. Sie war Sängerin. Ihre Stimme klang rein und zugleich kräftig, wie das Plätschern eines Baches. Er stellte sich vor, wie er sie nach dem Abendessen nach Hause begleitete und sie ihm eine Eintrittskarte für ihren nächsten Auftritt schenkte.

„Liebst du mich?“, fragte sie und senkte verlegen den Blick auf den matten Tellerrand, geschmückt mit eingelegten Ingwerblättchen und frischem Koriander.
Irgendetwas drückte plötzlich oberhalb seines Magens und stach wie ein Splitter direkt in seine Brust. Sein Daumen glitt über den Ringfinger, auf dem der Ring einst geglänzt hatte. Er erinnerte sich an ihre leichten, kaum wahrnehmbaren Küsse, die manchmal eine zarte Röte auf seinen Lippen hinterließen. Heimlich und endlos hätte er ihr zusehen können, wenn sie an manchen Abenden langsam und liebevoll den Klavierdeckel aufklappte, sich auf den schwarz lackierten kleinen Stuhl setzte, den Rücken gerade streckte – und spielte.
Nein, er liebte nicht die Frau, die ihm gegenübersaß und ihn mit der Stimme eines Baches nach Liebe fragte. Er liebte noch immer die, die viele Kilometer entfernt war und in einer fremden Stadt Dutzende von Mohnblüten am Fensterbrett zurückließ.
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Erschrocken warf ich einen Blick auf die Uhr. Der Schlaf hatte mich so plötzlich und so tief ergriffen, dass ich beim Aufwachen völlig die Orientierung verlor. 16:30 – perfekt! Mama müsste nicht lange auf mich zum Abendessen warten. Der Bus brummte kurz durch das Auspuffrohr und hielt an.
Zu Hause roch es gemütlich nach heißem Essen und einer Duftlampe. Durch die sandfarbenen Vorhänge erkannte ich Mamas Silhouette auf der Terrasse. Sie hatte es sich in ihrem Rattansessel bequem gemacht und streichelte die auf ihrem Schoß eingeschlafene Katze. Gelassen blickte sie in die Ferne und liebte den türkisblauen Ozean, der ihr in stiller Zuneigung antwortete. Nicht weit entfernt im Garten döste Papa in der Hängematte, ein nicht allzu dickes Buch auf die Brust gelegt, das er bis zur Hälfte gelesen hatte. Eine dunkle Locke mit wenigen silbernen Strähnen fiel ihm über die Stirn. Auf seinem Ringfinger schimmerte leicht der Ring, den er immer mit einem besonderen Stolz trug. Hinter seinem Rücken ruhten flaumige Palmen, die meine Mutter manchmal und nur kurz an die Schornsteine einer Fabrik erinnerten. In solchen Momenten öffnete sie behutsam den Klavierdeckel und spielte.

K. Kies, 27.08.2025



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